Ruhrpott (Tag 2) – Bochum

Es ist Sonntag, Michael muss arbeiten. Was also tun? Nachdem Herne (der Ort unseres Hotels, für Michi ist es ja teilweise eine Dienstreise) nichts hergibt, fahre ich nach Bochum.

Du bist keine Schönheit

Vor Arbeit ganz grau

Du liebst dich ohne Schminke

Bist ’ne ehrliche Haut

Leider total verbaut

Aber g’rade das macht dich aus

Herbert Grönemeyer, Liedtext „Bochum“

Klingt ja nicht sehr berauschend, aber es ist nicht weit. Gerade mal 15 Minuten dauert es mit der U-Bahn nach Bochum, ich komme sogar ohne umsteigen zum Museum.

Deutsches Bergbaumuseum

Ein bisschen Bergbau geht noch. Deshalb hat es mich zum Deutschen Bergbaumuseum verschlagen. Immerhin soll das Museum zu den beliebtesten Museen in ganz Deutschland zählen. Und angeblich ist es das weltweit größte Bergbau-Museum. Entsprechend hoch sind meine Erwartungen.

Förderturm

Unübersehbar ist das „germaniagrüne“ (wer denkt sich solche Farben aus?) Fördergerüst. Aber hier wird geschummelt: Ursprünglich stand es über dem Zentralschacht der Schachtanlage Germania in Dortmund-Marten. Es wurde 1943/44 errichtet und übersiedelte 1973 nach Bochum.

Mit einem Gewicht von 650 Tonnen und einer Höhe von 71 Metern war es damals das weltgrößte, modernste und leistungsstärkste Fördergerüst.

Mit einem Fahrstuhl gelangt man auf die Aussichtsplattform. Vom oben reicht der Blick über das Ruhrgebiet: In der näheren Umgebung sieht man die Jahrhunderthalle, man kann aber auch Zeche Carolinenglück erkennen.

Nachdem ich Lust auf Hintergrundinformationen habe, buche ich heute 2 Führungen: Eine Führung im Anschauungsbergwerk und eine 40 Minuten dauernde Führung „Kurz & knapp“ durch einen Teil der Dauerausstellung. Beide Führungen sind sehr abwechslungsreich und spannend – eine echte Empfehlung.

Anschauungsbergwerk

War das hier eigentlich einmal eine Zeche? Nein – ein Bergwerk hat es hier nie gegeben; wieder geschummelt. In 20 Metern Tiefe wurde ein Besucherbergwerk, hier heißt das Anschauungsbergwerk, zu Demonstrationszwecken nachgebildet. Die Stollen sind 2,5 Kilometer lange – davon öffentlich zugänglich sind 1,2 Kilometer.

Mehr als einen Kilometer tief fuhren die Bergleute hinab in die Erde. Wie es sich anfühlt, in einem Förderkorb einzufahren, soll der Seilfahrtsimulator (ein Aufzug mit Leinwänden rundherum). Abwärts geht es nicht, aber die „Fahrt“ ist kurzweilig. Danach geht es durch einen „Wetterstollen“, in dem es, für die Tiefe des vermeintlichen Bergwerks typische, 40° bei 100 % Luftfeuchtigkeit hat. Mit „Bewetterung“ ist übrigens die ausreichende Frischluftzufuhr und die Ableitung von verbrauchter Luft gemeint – „schlechtes Wetter“ bedeutet Methan-haltige Luft.

Es vermittelt überraschenderweise einen recht realistischen Eindruck davon, wie es unter Tage zugegangen ist. Im Eingangsbereich warten einige Bergmänner auf die Besucher. Die Gänge sind beeindruckend, imposante Maschinen und alte Loren wirken täuschend echt.

In jeder Nische, in jedem Gang stehen Tunnelbohrmaschinen, Loren, Bohrwagen und Presslufthämmer – manchmal sind die Gänge ziemlich eng. Immer wieder hört man Wasser plätschern, während man neben Versorgungsleitungen und an Schaltkästen vorbei geht. Zahlreiche Ampeln erinnern an die Grubenbahn und deren „Vorläufer“ Grubenpferd Tobias (aus Kunststoff) darf auch nicht fehlen.

Ausstellung

BergbauSteinzeit mit Zukunft

An Hand von (mir bisher teilweise unbekannten) Wissenschaften wie Archäometallurgie, Bergbaugeschichte, Materialkunde und Montanarchäologie wird hier die Geschichte des Bergbaus von der Steinzeit über die Antike bis in das Mittelalter, der Frühen Neuzeit, die Industrialisierung bis in die Gegenwart dargestellt.

Bodenschätze – Ressourcen der Erde

Mit Hilfe eines interaktiven Spiels, kann man hier die Ressourcen für einen Alltagsgegenstand zusammen suchen. Dazu wählte man ein Thema (ich nehme „Büro“ und sucht dann die Rohstoffe für z. B. eine Notebook zusammen. Mit einer Chipkarte bekommt man Fragen, die richtige Antwort enthüllt den Rohstoff. Mit einem Barcode-Scanner sucht man diesen aus den Regalen und weiter geht‘s bis alles gesammelt ist. Irgendwie lustig.

SteinkohleMotor der Industrialisierung

Das ist das Thema der heutigen Führung. Im Mittelpunkt des Rundgangs steht die Geschichte des deutschen Steinkohlenbergbaus. Gezeigt werden die Auswirkungen des Steinkohlenbergbau auf Geschichte, Wirtschaft, Umwelt, Sozialleben und Kultur.

Zahlreiche Exponate erzählen von den Anfängen bis hin zur Vollmechanisierung. Errungenschaften wie das Grubenrettungswesen, die Entstehung von Gewerkschaften und Verbänden und die Arbeitssicherheit sind aber genauso ein Thema. Auch der sozialverträgliche Ausstieg aus der Steinkohlenförderung die Herausforderungen einer „Zeit danach“ werden angesprochen.

Michi ist tatsächlich früh fertig und so beschließen wir, dass er nach Bochum kommt. Etwas Luft schnappen bei dem schönen Wetter. Nachdem er mich am Museum abgeholt hat, fahren wir in den Westpark.

Westpark und Jahrhunderthalle

Der zwischen 1999 und 2007 angelegte Westpark entstand auf einem lange brach liegenden Gelände der Krupp-Werke, das zuvor über 130 Jahre der Produktion von Roheisen und Stahl gedient hatte.

Der Park besticht nicht nur durch die schöne herbstliche Industrielandschaft, sondern auch durch seine Vielfältigkeit: Höhenunterschiede werden mit Brücken oder terrassenförmigen Bereichen überwunden, Brücken sind mit interessanten Sitzgelegenheiten ausgestattet.

Im Zentrum des Parks liegt die Jahrhunderthalle. Sie wurde 1902 als Ausstellungshalle der Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation für die Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeschau entworfen. Heute findet das Ungetüm aus Kruppstahl als eines der wichtigsten Veranstaltungszentren des Ruhrgebiets Verwendung.

Außerdem findet man zahlreiche Überbleibsel aus der Zeit der Stahlproduktion, zum Beispiel Maschienenfundamente, von der Natur überwucherte Backsteinmauerreste und begrünte Schlackenreste.

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